Rätikon Durchquerung mit sommerlichem Wintereinbruch

Von Andreas Mahler 

Mit Gelb auf dem Liechtensteiner und Prättigauer Höhenweg und Schesaplana

Eine 4-Tage Bergtour im Dreiländereck Liechtenstein-Österreich-Schweiz. Wir durchqueren die Rätikon-Gebirgsgruppe von West nach Ost einschließlich Besteigung der knapp 3.000m hohen Schesaplana.

 

Rätikon Gebirgsriegel
Schweizer Seite des Rätikon Gebirgszuges

Ein Wanderpaar mittleren Alters rät uns abzusteigen. Der Wirt der Pfälzerhütte habe es ihnen dringend geraten. Der Regenguss komme unausweichlich. Das war kurz hinter dem Sareiserjoch auf 2000 Meter Höhe oberhalb des Liechtensteinischen Malbun. Von dort waren wir aufgestiegen. Mein Bruder und ich. Unsere Rätikon Durchquerung abblasen? Nachdem wir uns tags zuvor abends noch auf dem Campingplatz in Triesen im Pool von der Tageshitze abgekühlt hatten? Kommt nicht in Frage. Wir sind auf den kommenden Kälte- und Regeneinbruch vorbereitet. Handschuhe und Wintermütze sind eingepackt. Der Regengraupel pikst uns waagrecht ins Gesicht. Wir stemmen uns gegen die Windböen oben auf dem Augstenberggrat. Dann flaut der Regen- und Windaufstand ab. Der Himmel reißt auf. In der Ferne ringsherum zeigen sich die uralten Berge wie frisch gewaschen in ihren Grüns und Graus unter der bewegten Luftschaft.

Malbun, Liechtenstein
Blick zurück nach Malbun, Ausgangspunkt unserer Bergtour
Lichtensteiner Höhenweg
Hinab vom Augstenberg kurz vor der Pfälzer Hütte

Wir ließen die Pfälzer Hütte einfach liegen, gingen auf dem kommoden Liechtensteiner Höhenweg weiter zur Groß Furgga; ließen den Naafkopf unbestiegen bei diesem Schmuddelwetter. Das Wandern bekommt einen elementaren Touch. Man muß in Bewegung bleiben. Bei Schönwetter hätte man herrlich botanisieren können – wie auf Caspar David Friedrichs »Kreidefelsen auf Rügen«, das für mich immer noch eindrucksvollste Romantik-Bild. Die Winterthurer haben es schamlos als vergrößertes Abziehbild neben der Autobahn aufgestellt, auf der ich vom Südschwarzwald hergefahren bin. An die zehn Orchideenarten zähle ich leichthin neben den Wegen bis ans Ende unserer Wanderung in Tschagguns-Latschau. Man hätte nach den Schmetterlingen, vor allem nach den Bläulingen Ausschau halten und mal eine andere Art als unseren gemeinen Hauhechelbläuling ins Bild bekommen können. Vielleicht Plebejus pylaon trappi Verity wie einst auf einem der Churfirsten und dabei den admirablen Nabokov im Stillen grüßen.

Nach der Querung des Gebirgsriegels an der Groß Furgga auf 2358 Meter Höhe weitet sich der Blick auf der Südseite des Gebirgszuges in die Nebentäler des Schweizerischen Rätikons. Eingefasst von den nahen und fernen Gebirgsreihen. Wie eine abgeschlossene Welt für sich. Der Wanderweg bewegt sich dann in leichten Windungen oft auf Geröllhalden zur Schesaplanahütte auf 1908 Meter Höhe hinunter, der ersten Übernachtungsstation. Zum Schluß unterbrochen durch die wasserreichen Gebirgsbäche. Sechs Stunden unterwegs. Es ist gegen vier Uhr. Außer den Abratern hatten wir niemanden mehr angetroffen. Wir gönnen uns eher aus Versehen die heiße Dusche für 7 Franken pro dreieinhalb Minuten. Ich selber bin kein Freund des Hüttenlebens bei schlechtem Wetter. Ein Wirt auf unserer Tour meinte, er habe mangels Belegung einen Teil der Räumlichkeiten abgesperrt, um Hüttenatmosphäre zu schaffen. Es ist wohl eher um des kleineren Putzaufwandes willen. Auch die Schlafplätze im Massenlager werden ohne Lücken nach und nach aufgefüllt. In der Nacht dann die angekündigten Gewitter lauthals. Mir egal. Ich habe sowieso keinen tiefen Schlaf in der Höhe. Deshalb auch keinerlei Groll auf die Schnarcher. Wenigstens die können tief schlafen.

Gamsluggen Joch - Rätikon
Kurze Kraxelei am Gamsluggen Joch

Für den nächsten Morgen ist dann Dauerniesel angekündigt. Wir entscheiden uns deshalb, nicht den steilen Schweizersteig direttissimo über 1000 Meter auf die Schesaplana zu steigen. Bereitete wohl kein Spaß im Regen. Wir nehmen den Umweg über die Gamsluggen und queren zur Totalphütte, die mal kurz sichtbar ist, dann wieder im Nebel verschwindet. Nachmittags soll sich ein bergsteigertaugliches Wetterfenster auftun. Ich wechsle die verschwitzten Klamotten von Innen nach Außen. Schuhe, Regenhose und Anorak in den Trockenraum. Kurzes Ausruhen. Dann entschlossen zur Schesaplana, auf der im Schön-Sommer oft viel los ist. 

Totalphütte über dem Lünersee auf der österreichischen Seite des Rätikon
Die Totalphütte über dem Lünersee

Der Begriff »Totalp« weist darauf hin. Es ist eine wunderbare Steinwüste rundherum um die Hütte und man bewegt sich im Geröll bis hinauf auf den Schesaplanagipfel. Wir schmieren uns mit Sonnencreme ein. Eher ein magischer Akt, um Sonnenpräsenz zu beschwören. Aber sie reagiert tatsächlich zeitweise, dringt durch Wolken und Nebel. Erreicht man den kleinen Schlusskar, den man in seinen erodierten Felsbändern durchsteigt, fühlt man sich bei diesem Wetter vollends von der Welt abgeschnitten. Wir kamen unten an der Abzweigung zur Mannheimer Hütte an zwei Absteigern vorbei. Als wir auf dem Gipfel vielleicht 20 Minuten verweilen und erste Schneeflocken registrieren, eilt noch ein junger Sportsfreund herauf, der wenige Minuten bleibt und uns beim Abstieg geschwind wieder überholt.

 

Vielleicht ist diese Hast der Nachteil des 21. Jahrhunderts mit seinen technischen Hilfsmitteln: die Wander-App auf dem Smartphone als Wegversicherung. Das stets Photographieren-Können. Das Fummeln an den Apparaten allgemein. Ich will das nicht verteufeln. Erinnerungsfotis sind ja was Schönes und regen im Nachhinein zum Vergegenwärtigen an. Aber sie mindern doch womöglich eine »eksistentielle Stimmung« des Ausgesetzt-Seins im Jetzt. Hier oben will ich ein Refugium der Unverfügbarkeit bewahren. Dazu gehört auch als vorbereitender Akt ein beschwerlicher Aufstieg. Darum gehe ich in die Höhe.

 

Berg-Erfahrungen, die uns ein Carl Ritter in seinem Montblanc-Buch, Jules Michelet mit seiner Engadin-Episode in seinem Berg-Buch oder auch Georg Simmel in seiner Philosophie der Landschaft beschreiben, bleiben uns in Teilen verwehrt, weil wir heute das »Dazwischen« mit unserer Technik stören können. Ich muß an die unvergleichliche Beschreibung von Michelets jüngerer Ehefrau denken, die sich von Pontresina aus in die Engadiner Bergwelt führen läßt, die der Schesaplana bei guter Sicht nahe ist, sich bei einem sommerlichen Wintereinbruch verirrt, ganz alleine ist und sich in ihrer plötzlichen Einsamkeit selbst als Natur zugehöriges Lebewesen empfindet, nicht mehr sicher ist, ob sie Berg oder Mensch ist. Gut möglich, dass der Flaneur Walter Benjamin sich diese Erfahrungsstimmung von Michelet in seinen Seelenhaushalt einverbucht hat. Reinhold Messner mußte dann ja mehr als doppelt so hoch steigen, um eine ähnliche Erfahrung wie Madame Michelet zu machen, die zudem die eines Bergbezwingers ist, die durch sportives Rekord-Gehabe meist übertüncht ist. 

 

Die Totalphütte wurde von einer Staublawine 2019 zerstört und an gleicher Stelle wieder großzügig aufgebaut. Angenehme Raumaufteilungen jetzt. Die Lawine kam von der steilen Gegenwand und 50 Meter an Gegenhöhe hat sie nicht aufgehalten, hat die ungeheure Energie nicht gebremst. 

Sommerlicher Wintereinbruch, Totalphütte - Rätikon
Im Juli der Winter an der Totalphütte
Lünersee - Rätikon
Von der Totalphütte hinab zum Lünersee

Morgens dann an die zehn Zentimeter Neuschnee auf den Tischen draußen. Allgemeines Rätselraten beim Frühstück, wie weitergehen. Wir steigen zum Lünersee ab und bleiben dann bei unserem ursprünglichen Plan, über das Gafalljoch auf der Südseite des Gebirgsriegels zur Tilisunahütte zu gehen. Auf dem Prättigauer Höhenweg. Der Boden dürfte dort von der Sonne aufgewärmter sein. Der Schnee daher schneller wegschmelzen. Das ist übrigens das Schöne an dieser Rätikon-Durchquerung. Es gibt an die sieben oder mehr Möglichkeiten, den Gebirgsriegel zu überschreiten, leicht oder schwierig von Österreich in die Schweiz zu switchen und umgekehrt. Anders etwa als am verriegelten Karwendel.

Gafalljoch - Rätikon
Gafalljoch - Nordseite
Gafalljoch - Rätikon
Gafalljoch - Blick nach Südwest

Schön die parabelhafte Wendung nach dem Abstieg am Pardutzbödeli unterhalb des Schweizertors auf 1950 Meter Höhe. Es kommen uns viele Skandinavier, Niederländer, Amerikaner entgegen, die auf die Via Alpina gelockt wurden. Kein Wunder, dass die Carschinnahütte ausgebucht war. Dort halten wir uns nicht lange auf. Zu kalt, zu windig. Wie ein Gespenst aus der Sonnenwelt taucht vor der Hütte ein stämmiger braungebrannter Schweizer auf – in kurzen, knapp-strammen Hosen und seinen klassischen, schweren Bergsteigerstiefeln. Wir selber haben über der kurzen Hose seit drei Tagen die Regenhose flattern. Eine gute Kombination. Keinerlei dauerhafte Fernsicht auch heute. Ab und an tun sich die mächtigen Wände der Drusenfluh auf. Manchmal sind sie mit großflächigen schwarzen Schlieren versehen, als ob sich ein Riese in abstrakter Kunst geübt hätte. Farbe, die wahrscheinlich von einem Schiefergestein herrührt. Über Almen geht’s weiter, bis wir am Gruoben auf der einfachen Variante zur Tilisunahütte queren. Zuvor der Partnunsee, der fast idyllisch wirkt in dem Schanilabach-Tal, das nach St. Antönien hinabführt. 

Wiss Platte - Rätikon
Wolkenverhangene Wiss Platte

Die welligen Almhügelkegel werden strukturiert von den hangparallelen Trittspuren der Kühe. Nehme mir vor nachzulesen, ob auch hier diese Hügel durch Gipsuntergründe entstanden sind, die im Laufe der Zeit ausgewaschen wurden und dadurch diese Einsackungen und Höhungen modellierten. Wenn ich die charakteristischen Trittspuren der Kühe sehe, muß ich unweigerlich an meinen ehemaligen Archäologieprofessor Wilhelm Schüle denken, der dafür den Begriff Ochseohypsen geprägt hat. Ein Begriff, den er analog zur Isohypse erfunden hat. Kuhtritthöhenlinie könnte man ins Deutsche übersetzen. Aber das Kunstwort Ochseohypsen klingt einfach poetischer, frappierender. In der Tilisunahütte frage ich eine Kuhhirtin, ob es hier überhaupt spezielle Wörter für diese Kuhtrittwege gibt. Sie verneint. Und ist bass und lustig erstaunt über den nie gehörten Begriff Ochseohypse. Für mich sind die Kühe, die hier teilweise aus Deutschland in der Sommerfrische sind, wie wir erfahren, Landart-Künstler.

Ausblick an der Tilisunahütte - Rätikon
'Ochseohypsen' im Grashang am rechten Bildrand

Auf diversen Bildern erkennt man den gelben Regenschutz meines Rucksackes. Er korrespondiert mit dem Reclam-Gelb von Odo Marquards »Apologie des Zufälligen«. Leichtgewichtige & trockengesicherte Lektüre, falls wir tatsächlich mal für einen Tag steckenbleiben. Darin sein Entlastungs-Essay: »Die moderne Verkünstlichung der Welt wird kompensiert durch die spezifisch moderne Entdeckung und Apotheose der unberührten Landschaft und die Entwicklung des Sinns für die Natur einschließlich des ökologischen Bewußtseins«. Ich halte seine Kompensations-Theorie diesbezüglich für ungenügend – unter anderem wohl von Joachim Ritter übernommen – und orientiere mich an der evolutionären Erkenntnistheorie. Der zufolge ist Landschaftserfahrung doch eher eine anthropologische Konstante, die in Afrika bei der Menschwerdung gebildet und in Fleisch und Blut übergegangen ist. Nicht erst die Neuzeit hat »Landschaft« erfunden oder konstruiert, wie’s die allgemeine Akademiker-Meinung sagt, die ausschließlich auf überlieferte Literatur rekurriert. Dass Menschen in die Berge gehen, dürfte evolutionspsychologisch erklärbar sein. Als fortschrittsgetriebener Mensch kann man nur dafür plädieren, die modernen technischen Errungenschaften aus den Bergen so weit wie möglich rauszuhalten.

Rote Wand - Lechquellengebirge
Im Hintergrund, das Lechquellengebirge mit der mächtigen Roten Wand
Zimba - Rätikon
Links hinten, der markante Zimba

Die Füße sind müde bei der Ankunft auf der Tilisunahütte. Abends Gespräch mit einem Ingenieur, der in der Automobilbranche tätig ist, und zur Erholung seit Jahren in die Berge gehen müsse. Das ist eine von diesen Kompensationsstrategien, wie es das schwäbisch geprägte Politsystem gefördert hat. Aus der »Arbeitsmühle« zeitweise raus, muss sein, um sie am Laufen zu halten. Lothar Späth war bekanntlich Marquardkenner. Tags darauf dann der Abstieg nach Tschagguns-Latschau an der Mittagsspitze vorbei, wo eben das wartet, was kompensiert worden ist: das Auto. Vorher noch schöne Sicht auf die Rote Wand, die ich auch von meinem Wohnort im östlichen Südschwarzwald bei klarer Sicht sehe. Die Schesaplana noch eingeschneit. Die Drusenfluh von der Nordseite. Der Sporentobel von der Lindauerhütte aus wie gemalt. Blühender Weißer Germer, den ich erst für Gelben Enzian halte. An der Alpilaalpe noch Käse und Wurst. Dann verschwindet der Rätikon-Gebirgsriegel. Wiederkehr ist angesagt. Es gibt noch einige Schönwettervarianten zu entdecken. Denn ein Satz des dieser Tage verstorbenen Kompensationskünstlers Martin Walser heißt: Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.

 

Route 4-Tage Rätikon-Hüttentour – Durchquerung von West nach Ost:

 

1. Tag : Malbun – Pfälzerhütte 2:30h – Schesaplanahütte 6:00h.

2. Tag:  Schesaplanahütte über Gamsluggen – Totalphütte 2:30h – Schesaplana 4:15h – Totalphütte 6:15h.

3. Tag: Totalp – Lünersee 0:40h – Gefalljoch 1:45h – Carschinahütte 5:00h – Tilisunahütte 7:45h.

4. Tag: Tilisunahütte – Latschau Stausee 3:00h.

 

Die Gehzeiten sind kumulativ angegeben und ohne größere Pausen zu verstehen, die bei diesem Schlechtwetter kein Vergnügen bereiteten. / Nach den Schweizer Wanderkategorien sind die Höhenwege grob mit T2, die Querung Gamsluggen mit T3, der Aufstieg zur Schesaplana von der Totalphütte mit T3, der direkte Aufstieg von der Schesaplanahütte zur Schesaplana mit T4 einzuschätzen.

Tipp: Camping Mittagsspitze in Triesen, Liechtenstein

Wir sind tags zuvor angereist und haben die Nacht auf dem Campingplatz Mittagsspitze in Triesen verbracht. Von dort ist man in einer halben Stunde Autofahrt am Ausgangspunkt der Wanderung in Malbun (dort wie auch am Endpunkt in Tschagguns-Latschau kostenlose Parkplätze). Sieht man von den hüttenartig verbauten Dauercampings ab, ist der Platz recht naturbelassen und ruhig gelegen. Schön angelegter Swimmingpool – (gehobenes) Restaurant – kleiner Shop.

Camping Mittagsspitze, Triesen - Liechtenstein
Camping Mittagsspitze, Triesen
ROTHER Vorarlberg Trekking Führer

WANDERFÜHRER

Der Rother Bergverlag hat keinen eigenen Führer für das Rätikon im Programm. Allerdings findet sich im ROTHER Vorarlberg Trekking Führer* eine Rätikon-Tour, die mit insgesamt 9 Etappen größer angelegt ist und unsere Tour teilweise abdeckt. Nicht nur für die Rätikon-Tour, sondern auch für die anderen Mehrtagestouren in Vorarlberg (z.B. Lechquellenrunde oder Montafoner Runde) ist dieses Büchlein jedem Wanderer zu empfehlen. (* Amazon Link).

 


Text: Andreas Mahler | Fotografie: Jürgen Mahler

Sommer in den Bergen - die schönsten Wanderungen